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D I E   S T I M M E

“Hör doch nur. Da war sie wieder. Diese Stimme. Ist sie nicht wundervoll.” Verzückt schaute Kolja in Richtung Lautsprecher. “Lass mich doch endlich mit dieser Stimme in Frieden. Ich bin müde, und ich möchte meine Zeitung lesen.” Ärgerlich versuchte der Freund die Zeitung so weit aufzuschlagen, dass er den Artikel zu Ende lesen konnte. Aber bei dem Geschubse und Gedränge war das gar nicht so einfach. Die Schulkinder neben ihm saßen nicht eine Minute still, und zu allem Überfluss nervte ihn Kolja schon wieder mit dieser Stimme. “Nächste Haltestelle: Weißer Stein.” Na, Gott sei Dank. Die Plagen stiegen endlich aus dem Bus. “Ich wette mit dir, das ist kein Computer.” Jetzt führte sein Freund schon Selbstgespräche. Armer Kolja.

Beim Mittagessen, in der Kantine des Instituts, hielt ihm der Freund die Adresse und Telefonnummer unter die Nase. “Das hat mich ganz schön Zeit und Überredungskunst gekostet. Die Herren von den Stadtwerken waren wenig kooperativ. Du hast die Wette gewonnen.” “Maja Maier”, las Kolja laut, und sein kantiges Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen. “Du bist ein wahrer Freund. Ich schenke dir meinen Gemüseauflauf.” “Ich mag keinen Gemüseauflauf....” Aber da war Kolja schon weg.

Zu Hause warf er sich angezogen auf sein Bett, murmelte leise wieder und wieder “Maja” vor sich hin und stellte sie sich vor: groß, üppig, blond, mit langen, lockigen Haaren, vollem, roten Mund und zärtlichen Händen. Er träumte und schlief ein.

Maja fluchte. Schon wieder mal war nur eine Kasse geöffnet. Sie stand mit dem vollen Einkaufswagen in der Schlange und schaute ungeduldig auf die Uhr. In zehn Minuten musste sie im Studio sein. Immer diese Hetzerei. Die Probe war so anstrengend gewesen, und ihr Magen knurrte zum Steineerweichen. Sie riss den Fünferpack Kinder Milchschnitte auf und schlang die Süßigkeit hinunter. Gleich würde ihr ganz schlecht werden, das wusste sie, denn sie mochte gar keine Süßigkeiten - und erst recht nicht, wenn sie Hunger hatte.

Kaum hatte sie die Tüten im Wagen untergebracht, klingelte auch schon ihr Handy. “Ja?!” - “Wo bleibst du denn. Der Kunde wartet schon”, knurre ihr Auftraggeber. “Sorry, ich stand im Stau. Bin gleich da. Ciao.” Den Hörer unter das Kinn geklemmt, versuchte sie gleichzeitig den Wagen aus der engen Parklücke zu manövrieren.

“Hi!” Mit ihrem schönsten Lächeln auf den verlogenen Lippen schwebte sie an der Sekretärin vorbei ins Studio. Sie küsste und umarmte den Techniker, schenkte ihm eine große Tüte bunter Chupa Chups-Lutscher (die mochte er so gerne) und streckte im nächsten Moment dem Kunden ihre zarten Hände mit den vielen goldenen und weißgoldenen, brillantsplitter-besetzten Ringen und langen, rotlackierten Fingernägeln entgegen. Dem passte - wie es schien - so viel Üppigkeit und Fröhlichkeit gar nicht ins Konzept; er meinte nur mürrisch: “Na, da können wir ja endlich anfangen. Hier ist Ihr Text. Bieten Sie mal was an.”

Sie verschwand im Aufnahmeraum, schloss hinter sich die Doppeltür, rückte das Mikrofon zurecht und zog die Kopfhörer auf. “Bild kommt. Mal eine zum Pegeln. Hör mal, ob der O-ton o.k. ist.” - “O.k.”, sagte sie müde und überflog den Text. Er war grauenhaft und viel zu lang für einen 20-Sekunden-Werbespot. Jetzt begann die Knochenarbeit.

Nach etwa einer Stunde hatten sie den TV-Spot im Kasten und einen selbstzufriedenen Kunden. Wieder einmal war ihr das Kunststück geglückt, den Text so umzuformulieren, dass er am Ende sehr schön klang und der Kunde das Gefühl hatte, es wäre alles seine Idee gewesen. Der verabschiedete sie mit Küsschen. Sie strahlte von Dannen, um im Auto zusammenzuklappen wie ein Taschenmesser. Sie hasste dieses Theater. Es kostete sie viel mehr Kraft als echtes Theaterspiel. Wenn die Leute wüssten wie schwer Werbung zu sprechen ist! Aber dafür wird der Job auch sehr gut bezahlt, dachte Maja, und zusammen mit den Honoraren, die sie als freie Autorin für Kolumnen und Kurzgeschichten von diversen Verlagen kassierte, konnte sie sich den Luxus leisten, ihr eigenes Theater zu haben.

Das Telefon klingelte, als gerade die Steaks in der Pfanne brutzelten. “Hallo!” “Mein Name ist Kolja Gruschenko. Spreche ich mit Maja Maier?” - “Ja, um was geht es bitte?” - “Sind Sie die Dame, die in Bussen und Bahnen die Haltestellen ansagt?” - “Ja.” - “Ich möchte gern ein Interview mit Ihnen machen für meine Zeitung.” - “Könnten Sie bitte in einer Stunde noch mal anrufen. Ich bin gerade beim Kochen.” - “Selbstverständlich, wenn ich darf, sehr gerne. Auf Wiederhören.”

“Wer war das, Schatz?”, fragte ihr Mann. “Irgendein Mensch von einer Zeitung. Er möchte ein Interview”. - “Wie oft habe ich Dir schon gesagt, dass Du fragen sollst, von welcher Zeitung. Du kannst es Dir nicht erlauben, jedem Hinz und Kunz ein Interview zu geben. Denk doch einmal bitte auch an mich. Ich muss jetzt los, sonst komme ich zu spät zur Aufsichtsratssitzung.” - “Aber ich habe doch gleich das Essen fertig...” - “Keine Zeit mehr, ich habe eine Milchschnitte genascht. Wir waren für 18 Uhr 30 verabredet, und jetzt ist es 19 Uhr 30. Tut meiner Linie gut, wenn ich mal nichts esse.” Sprachs, klopfte sich dabei auf den nicht vorhandenen Bauch, drückte seiner Gattin einen faden Kuss auf die dargebotene Wange und verschwand.

Mürrisch muffelte sie zwei Steaks in sich hinein, nahm anschließend die große Salatschüssel in den Arm, lümmelte sich auf die Couch und spießte jedes einzelne Salatblatt so derb auf, als wolle sie jemanden erdolchen. Das Telefon klingelte. “Ja!” - “Gruschenko nochmal...” - “Ach ja, von welcher Zeitung sind Sie eigentlich?” Pause. “Hallo, sind Sie noch dran?” - “Ja, mhm, ich habe Sie angelogen. Ich bin von keiner Zeitung.... Ihre Stimme im Bus gefällt mir so gut. Ich wollte Sie einfach kennenlernen.”

Maja war platt. Sie hatte wirklich schon viel erlebt, aber das fand sie ziemlich dreist. Trotzdem redeten sie fast eine Stunde. Dann legte sie auf, zog sich sorgfältig an, hinterließ ihrem Mann eine Nachricht und fuhr zu dem Restaurant.

Sie wollte es wissen. Wie sah er aus? Was war das für ein Mann, mit dem sie eine Stunde lang geflirtet hatte? Was tat sie? Welch ein Risiko? Nach der gescheiterten Ehe mit einem “Sunnyboy”, dessen Schulden sie noch viele Jahre hatte abtragen dürfen, war sie froh gewesen, ihren jetzigen Mann zu treffen, absolut zuverlässig, ehrgeizig. Sie hatte seine Tochter und ihren Sohn aus erster Ehe großgezogen, ein gemütliches Heim geschaffen und ihn überzeugt, dass sie neben ihrer Arbeit in den Studios als freie Moderatorin noch eine echte Aufgabe brauchte. Er hatte seine Verbindungen spielen lassen, und sie konnte vor zwei Jahren ihr Theater gründen. Halb sonnte er sich gern in ihrem Glanz, halb warf er ihr vor, ihn zu vernachlässigen. Sie hatte in der letzten Zeit oft mit dem Gedanken gespielt, ihn zu verlassen, aber das hätte er nun wirklich nicht verdient.

Kolja behielt noch minutenlang den Hörer in der Hand. Er konnte es nicht fassen. Sie hatte eingewilligt. Ihm war ganz schwindelig vor Glück. Er zog sich an und wieder aus, probierte seine sämtlichen Krawatten aus - zum Glück hatte er nur vier – und entschied sich für die erste. Die hatte ihm seine Frau vor drei Jahren zu Weihnachten geschenkt. Ein halbes Jahr später waren sie nach Deutschland gezogen. Sie hatten beide einen Lehrstuhl an der Göttinger Universität bekommen. Svenja war glücklich, lebte auf, holte alles in vollen Zügen nach, was sie in Russland vermisst hatte. Immer öfter ließ sie ihn mit den Kindern abends allein. Er sagte nichts. Lass sie sich austoben, dachte er. Sie wird schon wieder vernünftig. Als sie die Scheidung forderte, traf es ihn wie ein Hammerschlag. Die Enttäuschung schmerzte. Auch um Distanz zu schaffen, nahm er die erstbeste Arbeit an, die ihm angeboten wurde, in Frankfurt, in einem Meinungsforschungsinstitut als Mathematiker. Er lebte nur für seine Erfindung: Ein Computerprogramm für Banken. Er sah seine Kinder nur selten. Das tat weh. Er grübelte. Er ging nicht aus. Schließlich drohte er zu vereinsamen.

Und dann diese Stimme. Er hatte ein Jobticket erhalten. Es kam gerade recht, als sein alter Lada den Geist aufgab. Gleich am ersten Morgen war ihm diese Stimme aufgefallen, und seitdem hatte er seinen Kollegen damit genervt. Und jetzt war er mit “seiner Stimme” verabredet. Er war wie betäubt. Auch in der Straßenbahn zu dem Restaurant - das sie genannt hatte, er hätte keines gewusst - begleitete sie ihn und sagte ihm die Station an. Auf wackligen Beinen betrat er den Saal und setzte sich so, dass er die Tür im Blick hatte.

Sie kam absichtlich zehn Minuten zu spät, denn sie hasste es, allein in einem Lokal zu sitzen. Würde sie ihn erkennen? Ihr sonst so forscher Schritt war eher zögerlich. Sie betrat den Raum, und ihre Blicke trafen sich in derselben Sekunde. Er stand auf, kam ihr entgegen und begrüßte sie wie eine alte Bekannte. Das nahm ihrer Begegnung die Anfangsschwierigkeiten, und dankbar plauderte sie drauflos.

Wenn sie geahnt hätte, wieviel Überwindung es ihn gekostet hatte, so locker aufzutreten. Er war ein guter Imitator. Leute, die ihm im Fernsehen gefielen, imitierte er vor dem Spiegel, aber nur zu Hause für sich. Heute hatte er seinen ersten Liveauftritt gehabt. Er war zufrieden mit sich, strahlte sie an und lauschte ihrer Stimme. Genau so hatte er sie sich vorgestellt.

Maja spürte: Dieser Mann zog sie magisch an. Sie fühlte sich wohl in seiner Gesellschaft, er gefiel ihr. Er war gut einen Kopf größer als sie, muskulös, breitschultrig. Mit wunderschönen Händen und einem leicht kantigen, intelligenten Gesicht. Wenn er nicht lächelte, hatten seine Züge etwas Melancholisches.

Als das Restaurant schloss, wussten sie alles voneinander. Er brachte sie zu ihrem Wagen und küsste zärtlich ihre Hand, nein, jeden einzelnen Finger. Das Kribbeln in ihrem Bauch wurde stärker. “Komm, ich fahr dich nach Hause.” Er widersprach nicht, setzte sich still neben sie und streichelte sie zärtlich: ihre Haare, ihre Wange, ihren Arm. Vor seinem Haus parkte sie und löschte das Licht. Sie wollte mehr, wollte alles. Sie suchte seinen Mund, und es wurde der längste Kuss ihres Lebens. Schweigend erforschten sie ihre Körper, und er glaubte, noch nie etwas so Aufregendes ertastet zu haben. Abwechselnd küsste er jetzt ihren Nacken, ihren Brüste, ihre Augen, ihren Mund, während ihre schlanken Hände in seine Hose gefahren waren und seine gewaltige Erektion liebkosten. Sie waren so erregt, daß sie beide Angst hatten, übereinander herzufallen wie die Tiere.

Er löste sanft ihre Umarmung, rückte seine Hose notdürftig zurecht und stieg aus. Sie folgte ihm. Im Treppenhaus trug er sie küssend die letzten Stufen hinauf. Und dann ließen sie sich Zeit, unendlich viel Zeit. Als müssten sie alle vermissten Zärtlichkeiten der letzten Jahre nachholen. Es war ein Einklang der Körper und der Gefühle. Sie schwammen gemeinsam auf den höchsten Wogen der Erregung, um sich dann in einem Strudel der Lust zu ergießen. Den ersten Höhepunkt bekam sie kurz vor ihm. Er hielt sich zurück, wollte sie anschauen, wollte diesen Blick nie mehr vergessen. Er würde ihn für immer trösten.

Stunden später lagen sie ineinander verschlungen wie ein Knoten, den man nie mehr öffnen sollte. Sie lächelte. “Was denkst du, Liebes?” fragte er. Maja überlegte einen Augenblick: “Ich denke, dass es sehr gut möglich wäre – nach allem, was Du mir von Deinem Vater erzählt hast – dass unsere Väter sich im Krieg gegenübergestanden und vielleicht aufeinander geschossen haben, und jetzt sind sie beide tot, und wir liegen hier zusammen und lieben uns. Es ist traurig und schön zugleich.”

Sie fuhr nicht nach Hause. Noch in der Nacht hinterließ sie ihrem Mann eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter. Gegen morgen rief sie ihre beste Freundin, die Hauptdarstellerin in ihrem Theater an, und übertrug ihr bis auf Weiteres die Leitung. Sie blieb bei ihrem Russen. Sie schlossen sich ein. Sie hörten Musik und sie liebten sich wieder und wieder. Noch nie hatte sie sich so tief fallen lassen. Sie begehrte ihn. Zum ersten Mal in ihrem Leben wusste sie, was Leidenschaft ist. Sie wollte nie mehr auftauchen aus diesem Meer der Gefühle. Sie war nur noch Körper, wollte benutzt werden und benutzen zugleich, konnte nicht genug bekommen. Sie reizte ihn, bis sie beide glaubten, wahnsinnig zu werden. Sie schlossen die Fenster und schrien ihre Lust heraus. Sie wollten nie mehr in die Wirklichkeit zurückkehren.

Am Morgen des vierten Tages fuhr Maja ihn zum Supermarkt und versprach, am Abend wieder bei ihm zu sein. Dann fuhr sie nach Hause. Dort packte sie ihre Koffer und nahm sich ein Taxi zum Flughafen.

Endlich war sie frei. Sie wusste jetzt, was alles möglich sein konnte. Die Erfahrungen der letzten Tage und Nächte hatten ihr gezeigt, dass es ihr nicht reichen würde, sich für den Rest ihres Lebens mit Halbheiten zufrieden zu geben. Aber sie wusste auch, dass ihre Empfindungen füreinander sich nicht für alle Zeit konservieren lassen würden.
  
Schon im Flugzeug begann sie mit den ersten Aufzeichnungen für ihr Buch. Es war ganz einfach, sie brauchte nur ihre Vergangenheit, ihre Gegenwart und die Wünsche an ihre Zukunft in Worte zu fassen.
Ihr Roman erschien im Herbst des darauffolgenden Jahres auf der Buchmesse. Er wurde ein Bestseller.


© Ingrid Metz-Neun, 2004



APFELPFANNKUCHEN

Mmmmh, dieser Duft, der die Küche erfüllt. Genüsslich lasse ich den Teig vom Löffel hinab in das heiße Öl gleiten und schaue gespannt, welche Form sich diesmal bildet. Aus irgendeiner Gewohnheit heraus, setze ich grundsätzlich drei Klekse Teig, jeweils circa einen Suppenlöffel voll, in die Pfanne, da ich mir selbst in meinem hohen Alter und nach all den Jahren der Übung nicht zutrauen würde, die Pfanne komplett auszufüllen und dann auch komplett zu wenden. Als praktischer Mensch, der keine Lust hätte, anschließend die Küche zu putzen, habe ich bis heute nicht diese berühmte "in die Luft werfen und in der Hoffnung, auf der anderen Seite unbeschadet zu landen Version" versucht.

Aber zurück zur Form. Ich freue mich jedes Mal wie ein Kind, wenn ich drei etwa gleich große Pfannkuchen hinkriege, die immer irgendwie die Form von Island haben. Beobachten Sie mal in Ruhe, wie sich nach dem Teigeinfüllen und langsamen Braunwerden die Ränder wunderschön kräuseln und fjordmäßige Einschnitte annehmen. Der Grad der Kräuselung hängt von der Zusammensetzung des Teiges ab. Je mehr Sahne oder Buttermilch Sie verwenden, desto stärker die Kräuselung und desto knuspriger. Leider kann ich Ihnen das Rezept nicht verraten, denn ich koche und backe niemals nach Rezept, das heißt, es schmeckt bei mir auch niemals gleich. In erster Linie hängt das von der Bestückung des Kühlschranks oder der Vorratskammer ab, denn ich bekomme grundsätzlich auf irgendetwas Lust, wenn ich nicht vorher einkaufen kann. Und wenn ich mir vornehme, heute dies oder das einzukaufen, um morgen dieses oder jenes zu zu kochen oder zu backen, kann ich sicher sein, die eine oder andere Zutat gar nicht oder nicht frisch genug zu bekommen. Ergo richten sich meine Kochkünste nach der kreativen Zusammenensetzung der zufällig vorhandenen Lebensmittel, und da können unter Umständen wunderbare Kreationen entstehen – oder manchmal auch weniger genießbare. (Gottlob findet sich in der Familie immer ein Hungriger, der auch die weniger gelungenen Dinge verputzt).

Aber zurück zu den Pfannkuchen. Sie bestehen bei mir aus Eiern, Zucker und Milch oder Buttermilch, Sahne, Mehl und/oder Mondamin, einer Prise Salz, gehackten Mandeln oder Wall- oder Haselnüssen und viel klein geschnittenem Obst, je nach Jahreszeit, beträufelt mit Zitrone oder Rum oder einem Schnaps (der verflüchtigt sich rasch in der Pfanne, keine Angst) und eventuell Rosinen. Und los geht´s. Aber Vorsicht mit der Hitze. Das viele Obst backt schwer und man braucht wirklich Geduld, dafür schmeckt es köstlich. Wenn man mag, mit Puderzucker bestreut oder an einer Kugel Vanilleeis.

Riechen Sie schon, wie köstlich es duftet??? Bon appétit!

© Ingrid Metz-Neun 2005



ES WAR EINMAL IN OFFENBACH....
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.... eine gemeine Clematis, zu deutsch Waldrebe, in bescheidenem Weiß. Die blühte einen Sommer lang etwas spärlich in der schattig, weil überdachten Ecke eines drittklassigen Balkons in einem Hinterhof der Ludwigstraße.
Ihre üppige, violette Schwester an der offenen Wand gegenüber, die die komplette Nachmittagssonne abbekam, würdigte sie keines Blickes. Ihr zu Füssen wucherte Efeu, das mochte sie besonders, und gleich nebendran rankten Gurken, und zu allem Überfluß stieg ihr immerzu der würzige Duft von Schnittlauch, Petersilie und Melisse in die zarte Nase.

Die Hausherrin liebte die prächtige Violette weil sie ihr den Blick auf das hässliche Haus gegenüber verschönte. Sie spannte Drähte, damit sie ihre Ranken möglichst weit über das Geländer ausbreiten konnte. Die kleine Weiße in ihrer Ecke vor der weißen Hauswand, links eingerahmt von einer Verbene und rechts von einem täglich aufs neue rote Blüten produzierenden Hibiskus, fiel wirklich nicht sonderlich auf.
Der Sommer ging, der Herbst kam früh und schnell, und als eisige Fröste im Radio angekündigt wurden, bat die Hausherrin ihren Mann, die Verbene und den Hibiskus ins Treppenhaus zu tragen und dort ans Fenster zu stellen, damit sie nicht erfrören.
Zunächst fiel der Hausherrin gar nicht auf, daß die kleine weiße Clematis auch versehentlich zwischen Verbene und Hibiskus im Treppenhaus gelandet war. Erst Wochen später fragte sie ihren Mann, warum er denn das vertrocknete braune Etwas dort hingestellt habe, und er meinte, dann wäre die Ecke auf dem Balkon frei und man könne besser das Laub wegfegen.

Wiederum Wochen später entfuhr der Frau des Hauses ein kleiner spitzer Schrei, denn sie entdeckte zarte grüne Blättchen in der Verbene, die nicht zur Verbene gehörten, und siehe da, aus dem vertrockneten braunen Etwas, das wirklich nichts mehr mit einem intakten Stiel zu tun hatte, wuchs in etwa 50 Zentimeter Höhe ein grünes Stengelchen. Dieses benutzte die trockenen Ästchen der Verbene als Halt und rankte seine frischen Blättchen um die im Winterschlaf ruhende Pflanze.
Dies, für sich genommen, war ja schon entzückend, und die Hausherrin inspizierte jetzt täglich ängstlich die Verbene, genau darauf achtend, daß sie nicht von den inzwischen reichlich gesprossenen frischen Trieben der Clematis erstickt würde.
Aber sie hielt sich wacker und schien keine Not zu leiden.
Am Hochzeitstag der Hausherrin geschah „das Wunder“ wie sie es nannte. An diesem naßkalten Februartag erstrahlten zwei handtellergroße weiße Blüten am Fenster vor dem grauen Himmel. Unter sich die trockenen Zweige der Verbene, neben sich der traurig dreinblickende verblühte Hibiskus, strahlte die Clematis wie eine Königin. Zärtlich berührte die Hausherrin die Blüten, als wollte sie sich von deren Echtheit überzeugen. Sie dachte zurück an den Tag ihrer Hochzeit, und ihr Blick verschleierte sich. "Liebling", rief sie, diesmal gar nicht spitz, und sie eilte zu ihrem Mann ins Schlafgemach, um ihm von dem Wunder zu berichten.....

© Ingrid Metz-Neun 2000